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Die Selfie-Gesellschaft – oder wo ist denn die Intimität geblieben?

Verfasst von am 3 September 2014 | Kommentare

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Gefühlt jeder meiner Freunde kippt sich gerade einen Eimer Eiswasser über den Kopf, macht davon ein Video und lädt das ins World Wide Web. Dabei tun sie zwar auch etwas Gutes – sie verbinden das Ganze mit einer Spende an eine Organisation ihrer Wahl. Aber trotzdem hat das Ganze für mich ein Geschmäckle.

Um es gleich zu sagen: Kommt gar nicht erst auf die Idee, mich zu nominieren, es Euch gleich zu tun! Ich habe in diesem Jahr bereits an einige Organisationen gespendet, ohne mich selbst bei diesem Akt in den Mittelpunkt stellen zu müssen. Ich bin ja zwiegespalten: Auf der einen Seite ist es schön, wenn jemand, der noch nie in seinem Leben einen Euro gespendet hat, dadurch mal auf die Idee kommt, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Andererseits nimmt das Ganze Auswüchse an, die mich mal wieder fragen lassen, was Facebook und Co. für einen Sinn haben. Und wohin sich diese Selfie-Gesellschaft entwickelt. Verbunden mit den gerade überall aufgebrachten Promis, deren Cloud-Daten gehackt worden sind und von denen jetzt Nacktbilder im Netz herumschwirren, frage ich mich, WAS da Millionen von Menschen alles einem System anvertrauen, dass von Firmen kontrolliert wird, deren Struktur alles andere als durchschaubar ist, deren alleinige Motivation das Geldscheffeln ist. Will ich wirklich meine INTIMSTEN Momente (Geburt eines Kindes, Liebe zu einem Menschen, meine innersten Gefühle, mein Sexleben) in eine mehr oder weniger öffentliche Umgebung verlagern? Ich erzähle doch auch nicht einem fragwürdig-verantwortungslosen entfernten Bekannten meine Geheimnisse. Und wer glaubt, dass solche Systeme HUNDERTPROZENTIG sicher sind, sorry, der ist einfach naiv. Selbst wenn diese Firmen nichts nach außen geben würden, so werden sie selbst die Daten, die ihnen anvertraut werden, sicherlich auswerten.

Ich sehe es äußerst kritisch WIEVIELE Alltagswelten gerade ins Netz verlagert werden. So hieß eine weitere Schlagzeile der letzten Tage: Netflix kommt nach Deutschland. Das in den USA schon so erfolgreiche Unternehmen, bietet Streaming-TV an. Und sagt ganz unverhohlen, dass es sämtliches Nutzungsverhalten analysiert und danach sein Programm und seine Eigenproduktionen ausrichtet. ABER WILL ICH DAS? Will ich wirklich, dass das TV-Angebot an meinem Nutzungsverhalten ausgerichtet wird. Klingt ja erstmal nett. Aber dann bekomme ich doch immer nur den selben Brei vorgesetzt. Wie sollen da Innovationen entstehen? Wie kann ich selbst dazulernen und Neues entdecken? Und wie umfassend wird dadurch das Profil, dass man von mir erstellen kann?

Um es gleich vorweg zu sagen: Ja Soziale Medien sind toll, wenn man sich genau überlegt, was man damit will: berufliche Kontakte knüpfen, Informationen, die öffentlich von Interesse sind, zu verbreiten oder eine nette kleine Inspirationsquelle. Um es klar zu stellen: Ich nutze soziale Medien nur noch als öffentliche Person – und greife mir selbst an die Nase und lösche alle privaten Urlaubsbilder. Wer die sehen will, ist herzlich auf einen Kaffee eingeladen ;)

Was mich an Kinderbildern auf Facebook, Urlaubsbildern und der sogenannten Ice-Bucket-Challenge aber am meisten stört: Leben wir denn wirklich nur, wenn alles, was wir tun, ÖFFENTLICH dokumentiert wird? Es gibt alte Schulfreunde von mir, von denen existiert kein EINZIGER Account im Netz (weder Friendsscout, noch Youtube, noch Facebook, noch Xing), wenn ich sie google, finde ich sie nicht. Und es gibt sogar eine wachsende Anzahl, die ihren Account löschen lassen. Doch auch diese Freunde bekommen Kinder, haben Freunde, heiraten und haben ein, wie ich sagen würde, glückliches Leben. Und was sie im Gegensatz zu den anderen haben, ist ein PRIVATLEBEN. Wenn ich sie treffe, haben wir uns etwas zu erzählen, zeigen uns Fotos von unseren Familien (nein, nicht auf dem Smartphone, sondern auf Papier) und unserem letzten Urlaub. Wir treffen uns an Orten, von denen nicht alle meine anderen „Freunde“ inklusive Facebook wissen müssen, dass ich da gerade bin. Und was mich ernsthaft über eine Löschung meines Accounts nachdenken lässt: Viele von ihnen scheinen ruhiger und glücklicher zu sein. Sie haben nicht das Gefühl etwas zu verpassen, weil ein anderer Freund gerade die hippsten Partybilder postet, während man selbst am Samstagabend mit einer Tasse Tee gemütlich auf dem Sofa sitzt. Sie verbringen Zeit mit ihren Kindern, anstatt Fotos von ihnen hochzuladen. Sie genießen einen Sonnenuntergang, ohne hektisch nach dem Smartphone zu suchen. Sie schauen nicht neidisch die neuesten Urlaubsbilder an, die andere posten. Sie pflegen ihre Freundschaften im sogenannten RL (Real Life) anstatt nur mal kurz „Like“ zu drücken. Und sie rufen mich an meinem Geburtstag an oder kommen zu meiner Party, anstatt auf meinem Account der 30ste zu sein, der „Happy Birthday“ schreibt. Irgendwie klingt das für mich erstrebenswerter...

Dazu noch als Schlusswort dieses schöne youtube-Video ;)


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